roter PunktAlkoholismus … Selbstmord auf Raten

Rubrik:  Neulich auf Arbeit...  ·  Autor:  Pfleger M.29. Juli 2006, 15:07 Uhr

Im Moment ist auf Arbeit die Hölle auf Erden. Viel Pflege von Nöten. nicht nur die lieben Omis, die es nimmer so richtig gebacken bekommen, sondern auch die unangenehmen. Delir, unklarer Genese, mit einkacken einstuhlen ohne Ende. Oder Korsakow-Syndrom, mit völliger Desorientierung. Aber auch gern mal ne wahnhafte Depression.
Jeder der Fälle ist ne Geschichte für sich, aber am schlimmsten ist das Korsakow-Syndrom. Ums kurz zu erklären, daran ist wohl Harry Juhnke abgenibbelt. Das Ergebnis von lebenslangem Alkoholmißbrauch. Beginnt langsam aber unumkehrbar. Es ist erschreckend wie sich ein denkendes Wesen, bewusst, so auf Raten zugrunderichtet. Grundsätzlich kann ich das verstehen, in Ansätzen. Es bleibt ne Suchterkrankung. Wobei mir wichtig ist, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, auch wenn oft geringschätzig über dieses Klientel geredet wird.
Ich erkenne an mir auch Wesenszüge die mir bestätigen, dass ich durchaus suchtanfällig bin. Man nehme mal den PC. Wenn der plötzlich kaputt wäre … Mir würde stark was fehlen. Trotzdem halte ich mich für so stark, dass ich das überwinden würde. (Eigentlich auch ein Zeichen für Sucht ;) ) Aber es ist ja auch net wirklich lebensbedrohlich.
Ganz anders mit dem Alkohol. Eine (legalisierte Droge), die mit Abstand den meisten Schaden im Körper anrichtet und am schwersten zu entziehen ist (Krampfanfälle, unkontrollierbares Zittern, hoher Blutdruck, Delir). Kurz dahinter sehe ich Heroin und Methamphetamin. Zumindest nach meiner (noch relativ wenig) Erfahrung.
Diese Droge wird von der Gesellschaft absolut akzeptiert und auch beworben. Kiffen aber verboten. Wo ist da die Relation? Dann doch bitte beides. Eigentlich unvorstellbar. Die Einnahmen der Alkoholsteuer sind ein Furz, verglichen mit den Ausgaben im Gesundheitswesen, aufgrund von Alkohol. Sogar Kinder gehören inzwischen zum Klientel bei Alkoholentzügen. (Nicht bei uns.) Ein Pat. von mir hat schon mit 12 Jahren regelmäßig Bier getrunken. Was das für Folgen für seine Hirnentwicklung hatte war unfassbar. Sowas abgeflachtes, in sich zurückgezogenes hat man selten gesehen. Der war jünger als ich. Und der hatte sein Leben noch vor sich. Da war aber eigentlich schon Endstation.
Aber am schlimmsten ist das Endstadium. Die Leber liegt in den letzten Zügen. Die Laborwerte (Blutwerte) explodieren. Der Pat baut körperlich stark ab, im Kopf hat er höchstens noch ne trockene Semmel. Diese Leute können nicht mehr alleine essen. Sind zeitlich (Welches Datum, Monat, Jahr, Jahreszeit haben wir heute?), örtlich (In welcher Stadt, Land, Straße, Gebäude sind wir?) oder zur Situation (Warum bin ich hier?) auch nur ansatzweise orientiert. Es ist erschreckend wie klein da die Halbwertszeit von Gesprächen ist, oder wie schnell Stimmungen umschlagen können. Eben noch der Kneipenkumpeltyp jetzt schon der aggressive Kerl der hier raus muss. Und das soll ich immer anschätzen können! Oder wie erkläre ich ihm das er hier ist, weil ich sich, salopp gesagt, blöd gesoffen hat? Schwere Gespräche für mich.
Natürlich ist das auf einer Seite schon auch mal witzig, aus nem bestimmen Blickwinkel, aber das soll der Pat. natürlich nicht merken. Antworten auf solche Fragen wie oben in den Klammern ergeben die abstrusesten Antworten.
Manchmal habe ich das Gefühl das diese Menschen ganz kurz verstehen was los ist. Sieht man an ihrem Blick. Der ist ganz kurz “klarer”. Irgenwie.
Das muss schlimm ein.
Aber das haben sie ja auch gleich wieder vergessen. Die Leben eigentlich nicht mehr auf diesem Planeten.
Jeder der jemanden mit diesem Problem kennt, wird evtl nachvollziehen können was ich meine. Schlimm auch, wenn man diesen dann nicht vernünftig erreicht. Aber wer aufhören will, muss das wirklich wollen. Eigenmotivation eben. Mit Zwang geht gar nix…. Leider.

Ich hab nix gegen Alkohol in Maßen. Ist aber ein gefährliches Zeug.
Das ist Fakt.

4 Kommentare    ·    hier schreiben
  1. Kommentar: flash am 29.07.2006, 16:14 Uhr

    Zu meiner Zivildienstzeit im Krankenhaus musste ich auch zeitweise in der Notaufnahme “aushelfen”. Es war schon sehr einprägend mal mitzubekommen wieviele sinnlose Verletzungen unter Alkoholeinfluss zusammenkommen. Teilweise roch es in der Notaufnahme wie im Schnapsladen. Sicherlich nicht so schlimm wie die Folgen einer Sucht, aber noch immer abschreckend genug. Es ist und bleibt ein Teufelszeug.

  2. Kommentar: Es-Klarinette am 30.07.2006, 10:35 Uhr

    “Herr Lehrer, ich weiß was” : Das Korsakow - Syndrom ist nach dem russischen Komponisten Rimski - Korsakow benannt, der 1908 44- jährig an schwerstem Alkoholismus verstorben ist und an dem vermutlich das erste Mal diese Sympthome wissenschaftlich beobachtet wurden.
    Herzlichen Glückwunsch noch zu deinem gemeisterten “Auftritt” und der unterhaltsamen Beschreibung des selben.

  3. Kommentar: MBBB am 30.07.2006, 19:25 Uhr

    Ich wills nicht unbedingt noch besser wissen, aber das Korsakow-Syndrom hat seinen Namen von einem russischen Psychiater gleichen Namens (1854-1900), der die auftretenden Symptome erstmals beschrieben und zu einem Krankheitsbild zusammengefasst hat. Hast du einen solchen Patienten schon mal 20 Wochen am Stück erlebt? Manchmal ist bei Abstinenz aber doch eine relative Stabilisierung möglich.
    Ansonsten ist doch so ein Erfolgserlebnis wie der Vortrag eine Streicheleinheit fürs Ego, oder? Genieß es! :smile:

  4. Pingback: Zwanghaft? « Gedankenkreisen am 31.07.2006, 19:57 Uhr

    […] Jeden Montag ist Visite. Um das vergangene Wochenende zu besprechen. Was war los? Wie gings ihnen? Gab’s Probleme? … Da ich am Wochenende gearbeitet hab, bin ich nicht nur, in dem mir zugeteilten, “Bereich” mitgegangen, sondern bei beiden. Aufgabe der Pflege, bei Visite, ist es dem Arzt evtl. zusätzliche Information zu geben, aber auch selbst nachzufragen etc. pp. Am Ende gibt man dann noch ne kurze Einschätzung. War das echt, was der Pat. gesagt hat? Oder hat man etwas anders empfunden. Nur so kommt ein komplettes Bild zustande. Im Moment haben wir viele “Akute” (Pat., die im Vollbild ihrer Erkrankung, meistens kurz nach Aufnahme, stehen). Das bedeutet, dass im Moment die Hölle los ist. Viele “Psychotiker” (Stationsjargon für menschen die an einer Psychose leiden). Psychosen sind sehr vielfältig. Der Begriff umfasst sehr viele Formen. Wir haben von jedem etwas. Der eine leidet unter Verfolgungswahn bzw. Verschwörungstheorien. Er vermutet, dass man ihn über den Fernseher beobachtet oder abhört. Wir kommen übrigens alle aus dem “Licht”. Nähere Angaben wollte er nicht machen. Ein Anderer glaubt, dass es im Internet eine Verschwörung gibt. Beschreibt er diese, wird es so abstrus, dass ich das leider nicht wiedergeben kann. Er schreibt dann Zettel oder Worddokumente, die keinen Sinn ergeben. Gespickt mit computerspezifischen Fachwörtern. In seinem Hirn ist absolutes Chaos. Aber er ist felsenfest davon überzeugt. Leider ist er auch latent aggressiv. Also wenn er in einer bestimmten Situation wäre und jemand bestimmtes (wer, will er nicht sagen) würde ihn reizen dann würde es “krachen”. Macht nachdenklich…. Der Dritte, er hat heute den 1. Platz gemacht, leidet unter Zwängen. Er muss immer sein Zimmer, den Stationsflur, das Stationsbad, den Aufenthaltsraum, also alles aufräumen. Mein Opa war auch zwanghaft, aber gegen das heute, war er absolut harmlos. Der Pat lag mit 2 weiteren in einem Zimmer. Diese beiden sind die unordentlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Der eine checkt leider gar nix mehr, Korsakow-Syndrom, und der andere ist etwas älter und seeeehr “eigensinnig”. Die Topzimmermischung. Der arme Kerl war so gestresst. Er gab sich die Schuld an den gesundheitlichen Problemen seiner Zimmergenossen. Er habe Fehler gemacht, welche könne er nicht sagen. Wir wüssten welche. Aber die anderen beiden würden das nicht verstehen. Klar, der eine weiss nicht was los ist und der andere ist genervt. Der Zwanghafte liess heute alles raus. Aber so richtig, der redete sich richtig in Rage. Er kann es nicht sehen wenn Sachen rumliegen, oder Stühle nicht rechtwinklig zum Tisch stehen. Im Tagesraum fehlen bei einigen Kartenspilen verschiedene Karten. Die müsste man doch aber vollständig halten (Auf ner Psychiatrie? Haha!). Es war unglaublich was da noch so alles zum Vorschein kam. Tausend Sachen. Was wir jetzt von ihm halten würden, da er nicht geholfen habe. Sonst würde er immer sofort aktiv. Er fühle sich jetzt schuldig. Seine Umwelt sei so “komisch”. Alle Menschen würden so gestelzt reden. Wahnsinn in was für einer Realität der Mann lebt, im Moment. Er hat dann gleich mal ein Beruhigungsmittel bekommen. Der war so aufgeregt und litt deutlich unter der Situation, dass wir was machen mussten. Er hat jetzt auch ein Zimmer für sich. Mit anderen Leuten ist er momentan voll überfordert. Später gab es noch eine kleine Eskalation der Situation, nachdem der Eine die Tasche des Anderen dem Dritten aufs Bett kippte. Seit dem liegt er alleine …. Auf der einen Seite wieder eine “witzige”, da abstruse, Situation. Andererseits unglaublich, was im menschlichen Gehirn so alles fehlgeleitet sein kann. […]

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